Antons Hardwarewallet

Anton lächelte. Gerade hatte er Beatrice wieder 0,1 Bitcoin überwiesen, damit sie den Jungen einen weiteren Monat bespaßen konnte, ohne dass er groß davon behelligt würde. Seinen Jungen, doch das musste niemand wissen. Offiziell war Beatrice eine alleinerziehende Mutter, sein Name tauchte nirgendwo auf. Natürlich hatte er Beatrice das Versprechen abgerungen, nicht über ihn sprechen. Ihr Schweigen erkaufte er mit gelegentlichen Besuchen. Und mit regelmäßigen, großzügigen Zahlungen für sie und besonders den Jungen.

Neben der offiziellen Kasse nutzte er Bitcoin und ein paar andere Kryptowährungen. Beim gemeinen Volk und bei Leuten, die Angst vor Kryptowährungen hatten, hieß es, dass damit Drogen und illegale Geschäfte bezahlt würden. Das ging mit dem Euro genauso gut. Die ersten Bitcoin boten eine gewisse Anonymität, die Anton sehr schätzte.
Beatrice überwies er Bitcoin. Sie wiederum hatte ihre Wege, um das zu Euro zu machen, für die zurückgebliebenen Händler und Dienstleister, die noch kein Bitcoin akzeptierten. Niemand würde seine Bitcoin so einfach zurückverfolgen können, denn sie waren sauber. Nahezu frisch aus dem alten Miner eines guten Freundes, dessen Geschäftsmodell auf Schweigen aufbaute.
Nur Beatrice musste ihren Mund halten, und das tat sie, wo doch Anton regelmäßig bezahlte und auch noch vorbeikam. Er besorgte ihr Bitcoin, sie besorgte es ihm. Ein bisschen Liebe war in all den Jahren auch dabei. Und doch wusste Anton, was er an seiner Frau hatte.

Nun ging er wieder ins Internet, in sein Lieblingsforum, und klärte andere über diese neuen Kryptowährungen auf. Verlachte Anfängerfehler, prahlte mit seinem Wissen und dass seine Bitcoin sicherer wären als in Fort Knox – schließlich wären seine Zugangsdaten rein in seinem Kopf und unhackbar.

Nachdem er sich genug ausgelassen und ein paar Likes als Belohnung abgestaubt hatte, legte er das USB-Stäbchen mit der Hardwarewallet in die untere Schublade seines Schreibtisches, packte sein bereitstehendes Sportzeug, sperrte das Türschloss ab und fuhr mit dem Auto zum Fitnessstudio. Bei seiner Runde an den Kraftgeräten dachte er darüber nach, wie es mit Beatrice, dem Jungen und auch seiner Frau weitergehen sollte. Diese war gerade wieder mit ihrer Freundin auf Städtereise. Boutiquenreise. Aus den sauberen Kassen.

Er dachte darüber nach, ob Beatrice die gelegentlichen Besuche und die regelmäßigen Bitcoin-Zahlungen ausreichten. Früher hatte er ganze Bitcoin überwiesen, doch seit der Kurs so schön angezogen hatte, reichte ein zehntel Bitcoin. Er freute sich auf den Tag, wenn ein Millibitcoin – ein tausendstel Bitcoin – für den Unterhalt des Jungen mehr als genug sein würde. Und wenn er endlich dieses Fitnessstudio mit ein paar Mikrobitcoin bezahlen können würde – dieser rückständige Laden bestand auf dem Lastschriftverfahren mit dieser Spielzeugwährung Euro, von der die Zentralbank Milliarde um Milliarde aus dem Nichts erschuf.

Frischgeduscht machte er sich auf den Heimweg, parkte den Wagen in der Garage und steckte den Schlüssel in die Haustür. Etwas fühlte sich anders an, fühlte sich falsch an. Er hatte nicht abgeschlossen. Konnte das sein? War er so in Gedanken gewesen, dass er das Abschließen seines Sicherheitsschlosses vergaß? Nach einer halben Schlüsselumdrehung war die Haustür offen.

Mit seinem seltsamen Gefühl betrat er sein Haus. Es sah alles so normal aus, doch Anton fühlte, wie sich seine Nackenhaare aus unbekanntem Grund aufstellten. Vom Flur aus sah er, dass einer seiner hölzernen Wohnzimmerstühle mitten im Raum stand. So hatte er ihn nicht zurückgelassen. Einbrecher? Er hatte nur etwa zweihundert Euro im Haus – Portokasse. Ein paar Bilder und Skulpturen junger, aufstrebender Künstler, von denen seine Frau noch eine gehörige Wertsteigerung erwartete, so wie die Ripple- oder IOTA-Jünger. Sein Kryptostäbchen, ein Ledger Nano S, war gut gesichert durch die achtstellige PIN. Den Code zum Wiederherstellen hatte er im Kopf, sollte das Gerät mal seinen Geist aufgeben. Also konnten nur ein paar unbedeutende Wertgegenstände verschwunden sein. Antons Kopf raste. Adrenalin überdeckte seine Angst, während er auf den einzeln stehenden Stuhl zuging und sich umschaute, was die Einbrecher wohl mitgenommen haben könnten.

Sein Blut gefror in den Adern, als er sie sah. In seinem Wohnzimmersessel saß eine Frau. So etwas wie eine Frau. Hose mit militärischen Tarnfarben, ein farblich passender Pullover, die blonden Haare zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden, unter normalen Umständen durchaus als hübsch zu bezeichnen. Ihre Hose steckte in schwarzen Stiefeln der Sorte Militär. Als auffälligstes Merkmal jedoch: ihre stahlblauen, kalten Augen. Diese Augen hatten Not und Leid gesehen, sie hatten sinnlose Gewalt gesehen, und sie hatten ebenso Leid und Gewalt verteilt. Eine frühere Soldatin? Afghanistan, Russland?

Am schrecklichsten war der schwarz glänzende Gegenstand in ihrer Hand. Sowas ähnliches hatte er in vielen Computerspielen auch schon bedient und abertausende Headshots verteilt. Dieses Ding im echten Leben und das Mündungsrohr auf seinen eigenen Oberkörper gerichtet, verändert etwas. Aus Antons großer Angst wurde panische Angst. Was wollte diese Frau von ihm?

Sie dirigierte ihn wortlos und mit ihrer Waffe zeigend zu dem leeren Stuhl, zwei Meter vom Sessel entfernt. Anton setzte sich. Ebenso wortlos. Sein Gehirn raste. Er war keines Satzes fähig.

Die Frau beugte sich leicht nach vorne und sprach ihre ersten Worte. „Du Anton, der große Bitcoin-Experte“. Es war Deutsch, mit deutlich osteuropäischem Einschlag. Zu mehr als einem „Hm.“ war Anton nicht fähig.

Die Frau nagelte Anton mit ihrem stählernen Blick weiter fest auf seinen Stuhl. Ohne zu schauen, griff sie mit der freien Hand aus Antons Obstschale neben dem Sessel einen Apfel. „Ich Cveta. Ich will dein Bitcoin kaufen.“ sagte sie, und warf Anton den Apfel zu. Sie lächelte ein falsches Lächeln, künstlich mit einem Mundwinkel und einem halben.
Geschickt fing er den Apfel mit seiner linken Hand. Bitcoin kaufen, für Äpfel? Wieviele Tonnen solle sie ihm dafür …
Da dämmerte es ihm, das hatte er mal im Internet gelesen. „Bulgarisch einkaufen.“ In einer Seitenstraße wird man von einem freundlichen Herrn angesprochen, ob man seinen Backstein kaufen wolle. Ein sauberes Geschäft, man gibt ihm sein Geld und erhält den Backstein übergeben. Sollte man das Geschäft ablehnen, bekommt man den Backstein trotzdem. Nur halt nicht sanft übergeben, und das Geld ist danach samt Geldbeutel und Papieren weg. Praktisch ein Angebot, das man nicht ablehnen kann.
Und nun will ihm diese Frau, wie hieß sie, Cveta?, für einen Appel seine Bitcoin abkaufen? Sie trug eine Waffe und hatte sie auf ihn gerichtet. Antons Gedanken rasten weiter. Was immer wieder vorbeikam: Seine Chancen, die Situation selber zu steuern, lagen bei Null.

Während sein Hirn raste, vor Angst und dem Versuch, in dieser Situation etwas sinnvolles zu erdenken, machte Antons Mund einen Fehler. Er sagte laut und empört „Nein!“. Anton nahm nur einen verwischten Schatten wahr, dann lag er schmerzerfüllt auf dem Boden. Der Apfel rollte durchs Wohnzimmer und verschwand unter dem Sofa. Cveta hatte seinen linken Arm nach hinten gekugelt, ihren Springerstiefel fest auf seinem rechten Unterarm, so dass dieser sich nicht bewegen konnte. Er lag mit der Wange auf dem warmen Parkett und sah ihre auf ihm kniende Gestalt, den schweren Stiefel auf seinem Arm. Sie hieb mit dem Griff ihrer Waffe auf Antons rechten kleinen Finger. Anton schrie vor Schmerzen und Überraschung auf.

„Ich kaufe deine Bitcoin. Hol Laptop. Hol Ledger. Wirst du?“ zischte sie ihn an. Ihr stählerner Blick war noch einige Grad kälter geworden. In Antons Augen entstanden Tränen, sein kleiner Finger meldete „SCHMERZ!“. Diese Schmerzen überdeckte den nach hinten überstreckten linken Arm. Leise wimmerte Anton ein „Ja“. Cveta nahm ihren Stiefel von Antons rechtem Arm und ließ seinen linken Arm los. In einer Bewegung, die Anton in anderen Zeiten als geschmeidig benannt hätte, stand sie auf und hielt Sicherheitsabstand. „Mach!“ zischte sie ihn an.

Anton rappelte sich mühsam vom Parkett hoch. Sein rechter Finger war rot, geschwollen, eine kleine Blutlache färbte das Parkett rot. „Oh Gott“, dachte, er, „diese Frau ist zu allen fähig!“

Er trottete zum Arbeitszimmer, dicht gefolgt von Cveta mit der Pistole in ihrer Hand, deren Lauf nun wieder auf Anton zeigte. Er öffnete die unterste Schublade seines` Schreibtisches und entnahm die kleine, dunkle Hardwarewallet, an der schon das schwarze Kabel baumelte. Sein rechter Finger schmerzte höllisch. Blut quoll langsam aus der Wunde und tropfte zu Boden. Er brauchte ein Kühlpaket. Und Verbandszeug. Wie würden erst die Schmerzen sein, wenn das Adrenalin aus seinem Körper verschwände? Er musste diese Frau loswerden, koste es, was es wolle.
Sollte sie ruhig seinen Ledger haben, den achtstelligen PIN würde sie nie erraten, und nach drei Fehlversuchen löscht sich das Dingen. Er hielt ihr den am Kabel baumelnden Ledger Nano hin, doch sie nickte nur mit dem Kopf und machte keine Anstalten, zuzugreifen.

„Wohnzimmer!“ kommandierte Cveta. Anton trottete mit seinem Laptop in der heilen und dem Ledger-Geraffel in der schmerzenden Hand ins Wohnzimmer. Cveta dirigierte ihn in den Sessel, nahm selber auf dem Stuhl Platz, ohne ihn aus dem Blick zu lassen. „Mach an!“ zischte sie ihn an. Er schaltete den Laptop an. Gab das Passwort ein, das die Festplatte entschlüsselte. Sah die Meldungen seines gehärteten Linux durchlaufen, bis der Anmeldebildschirm kam. Gab den Benutzernamen für seine Kryptogeschäfte ein. Tippte das dazugehörige Passwort. Schalt sich einen Idioten – alle Passwörter waren in seinem Kopf, komplex, nicht zu erraten, ein Ausprobieren würde Jahrtausende dauern. Er prahlte selber immer damit, dass das die sicherste Methode sei, besser als Passwortmanager, die ihre Daten in irgendeine Ami-Cloud stellten und der NSA alles auf dem Silbertablett überließ. Ein paar Gramm Metall direkt vor einer Treibladung, gebündelt in einem stählernen Rohr, das auf ihn zeigte, ließen ihn die supergeheimen und niemals geteilten Passwörter eintippen.

Anton ahnte, was als nächstes folgen würde. Er startete die Wallet-Software, stöpselte den Ledger an und schaute in die eiskalten Augen von Cveta. Was musste diese Frau erlebt haben, um diesen Gesichtsausdruck hinzubekommen? Er wollte es nicht wissen. Er wollte den Laptop rüberreichen, damit sie den Ledger mit drei Fehleingaben zerstören würde, doch sie winkte ab. „Gib PIN ein!“ und zeigte mit der Waffe in Richtung des baumelnden Ledgers. Scheiße.

Mit dem pochende schmerzenden Finger der rechten Hand nahm Anton das Kryptogerät in beide Hände, nutzte die beiden Knöpfe am oberen Rand, um die Ziffern des PIN einzustellen. Mit beiden Fingern bestätigte er Ziffer um Ziffer, bis der Ledger freigeschaltet war. Er blickte zu Cveta.

Behende stand sie vom Stuhl auf, stellte sich schräg hinter Anton und schaute auf die Wallet-Software. Die hatte mittlerweile synchronisiert und zeigte für jede einzelne Währung an, wieviel der Ledger verwaltete. Der Verräter. Zeigte 11 Bitcoin an. Zeigte ein Ether, ein paar Monero, hundert Mega-IOTA und ein paar Dash an – Anton war eindeutig ein Bitcoin-Anhänger.

„IOTA? Du?“ Cveta runzelte die Brauen und lachte ein kaltes Lachen. „Shitcoin!“ Sie wurde wieder ernst und zückte mit der freien Hand einen Zettel. „Mach Notepad und schreibe!“ befahl sie Anton. Notepad? Er hätte doch kein armseliges Windows, doch für Diskussionen war jetzt nicht die Gelegenheit. Er startete seinen Editor, den VI, in den Eingabemodus.

„Drei. Finf. Klain deh. Groß Emme.“ Buchstabe um Buchstabe, Ziffer um Ziffer diktierte Cveta die Empfangsadresse. Bei jedem Zeichen wartete sie auf das leise Klicken der Tastatur.
Nach vierunddreißig Zeichen befahl sie: „Lies vor!“
Anton gehorchte. „Drei. Fünf. Klein Dora. Groß Emil.“ – „Stopp!“ herrschte Cveta ihn an. „Sprich Deutsch!“
Anton war das Buchstabieralphabet ins Blut übergegangen, nun musste er sich konzentrieren. „Drei, fünf, klein Deh, groß Eh,“ – Anton schaute zu Cveta. Sie folgte mit dem Finger den Buchstaben auf ihrem Zettel, hatte die Waffe noch schräg in der Hand. Wenn sie Bulgarin war, kannte sie das kyrillische Alphabet, und musste sich auf die westlichen Zeichen konzentrieren. Sie mochte mit Waffen umgehen können, doch bei Dingen mit beschriebenen Papier sah sie überfordert aus.

Nach dem letzten Zeichen nickte sie kurz, nahm die Waffe nun wieder richtig in die Hand und ließ Anton ein weiteres Mal in den nachtschwarzen Lauf sehen. „Iberweisen. Alle Bitcoin!” wies sie Anton an. Anton stöhnte. Elf Bitcoin. Das tat ihm weh, wo er sie doch so gut geschützt gesehen hatte. Er drückte in der Wallet-Software auf „Senden“. Kopierte die eingetippte Empfangsadresse in das Feld. Sein rechter kleiner Finger pochte noch immer vor Schmerz, eine frische Kruste bedeckte die blutverschmierte Wunde, doch sein linker Zeigefinger weigerte sich physikalisch, den Senden-Knopf zu drücken.

Cveta stellte sich hinter ihn. Er konnte das geölte Metall der Pistole riechen. Sie blickte auf seinen Bildschirm. „Senden!“ zischte sie. Anton drückte den Senden-Knopf. Der Ledger Nano erwachte wieder. Er zeigte die durchrollende Zieladresse an, die Anton eingetippt hatte. Zeigte den Betrag, 11 Bitcoin an. Fragte leidenschaftslos „Confirm?“ Dem Ledger war es egal, ob er 0,001 oder 21 Millionen Bitcoin überwies. Er zeigt nur an und bittet um Bestätigung. Cveta wedelte hörbar mit der Pistole hinter Antons Hinterkopf herum, und er drückte die beiden Knöpfe zur Bestätigung.

Zack, war die Überweisung unterwegs. Unwiederbringbar. Es sei denn, Cveta würde jetzt aus dem Hause stürmen, dann hätte Anton noch eine kleine Chance. Elf Bitcoin. Das wäre ein wunderbarer Sportwagen gewesen. Wenn der Kurs weiter so kletterte, hätte er sich einen Lambo bestellen können. Es war genug, um Beatrices Sohn durchs Studium zu unterstützen. Andererseits, er lebte noch und hatte nur elf Bitcoin weniger. Das würde er verkraften, und er war sie nicht aus eigener Dummheit losgeworden. Nun, vielleicht doch, er hätte nicht so prahlen sollen.

Cveta machte keine Anstalten zu gehen. Sie setzte sich wieder auf den Stuhl, Anton gegenüber. Wollte die Frau auch noch seine anderen Coins? Sie könnte nun wirklich gehen, Anton in seinem Schmerz alleinlassen, mit dem Unheil-Anrichten aufhören.

„Zieh‘ Ledger ab“, forderte sie Anton auf. Er zog das schwarze USB-Kabel aus dem Laptop, und der Ledger Nano wurde dunkel. Ende der Aktion. Anton fühlte ein kleines Bisschen Erleichterung.

„Steck‘ rein“ war das neue Kommando. Anton fühlte neue Angst, neues Adrenalin. Was hatte sie vor?

Anton steckte das Kabel wieder in die Buchse, mit leicht zittirgen Händen gelang es ihm im dritten Anlauf. Was käme jetzt?

„Tipp zweiten Pin“. War das ein hämisches Grinsen, welches das Kommando begleitete? Er hatte dieses Feature mehrmals in den Foren kundgetan. Jeder Ledger unterstützt nicht nur eine Wallet. Ein zweiter PIN öffnet eine ganz neue Welt mit unabhängigen Wallets.

Dem Feld-Wald–und-Wiesen-Dieb oder dem US-amerikanischen Einwanderungsbeamten mit extrem schlechter Laune konnte man zur Not die Hauptwallet zeigen, die mit ein paar Opfercoins bestückt war. Für die wirklich wichtigen, größeren Beträge gab es eine geheime Hintertür, die sich hinter dem zweiten PIN versteckte. In diesem Fall war es die Tresortür zu weiteren 100 Bitcoin. Frisch, fast direkt vom Miner, damals in 2010 für ein Scheinchen erworben.

Anton schnappte nach Luft. Cveta schaute demonstrativ interessiert zu Antons schmerzendem Finger. Die Frau war gnadenlos. Jedes Wehren seinerseits würde das Unausweichliche nur verzögerern, unter körperlichen Schmerzen und Verlusten für Anton, zum Vergnügen für die fremde Frau. Wollte er weitere Schmerzen erfahren? Er gab auf, ließ die Schultern sacken und fügte sich. Tippte die geheime PIN ein. Kurze Zeit später zeigte die Wallet-Software saubere 100 Bitcoin an. Sogar die umgerechnet fast zwei Millionen Euro zeigte die Software richtig an – die Entwickler hatten an große Zahlen gedacht.

Cveta umrundete Antons Stuhl und warf einen zufriedenen Blick auf seinen Bildschirm. Sie setzte sich wieder und wedelte lässig mit ihrer Waffe. „Iberweisen. Selbe Adresse. Nainundnainzig Bitcoin. Cvetwa kein Unmensch.“ Sie lächelte ein falsches Lächeln. Die Schmach, in dieser Wallet nur noch ein Bitcoin zu haben, würde schlimmer als Salz in einer Wunde sein, so schlimm wie ein abgeschnittener Finger, der ihn täglich an diesen Überfall erinnern würde. Nur halt ohne sichtbare Wunden, als ewige Pein nur in seinen Gedanken.

Er überwies mit immer noch zittrigen Fingern 99 Bitcoin an die angegebene Adresseí und sackte noch weiter auf seinem Stuhl zusammen. Cveta starrte ihn noch weitere fünf lange Minuten an. Dann griff sie in die Seitentasche ihrer Armee-Hose, zückte ein Mobiltelefon, entsperrte es per PIN und refreshte eine Webseite. Die erste Bestätigung war wohl noch nicht da, denn sie lud die Seite jede Minute neu. Anton wagte es kaum sich auf seinem Stuhl zu bewegen. Erst beim sechsten Versuch huschte ein kleines, zufriedenes Lächeln über ihr Gesicht.
Behende stand sie auf, verstaute das Smartphone in der Seitentasche und lächelte mit ihrem falschen Lächeln noch einmal das zitternde Häufchen von Anton an. „Wenn Polizei, ich kommen wieder!“ Sie stubste mit dem Lauf ihrer Pistole kurz gegen Antons schmerzenden Finger. Er stöhnte auf.
Schon war sie zur Vordertür hinaus und ließ sie leise ins Schloss fallen.
Kurze Zeit später brüllte ein Motorradmotor auf und verschwand brummend in der Nacht.

Anton sackte zusammen, ließ sich auf den Boden fallen, krümmte sich zusammen. Der sportliche Einsachtzig-Typ lag als weinendes Häufchen Elend auf dem Parkett und lueß seinen Gefühlen freien Lauf.
Etwas später raffte er sich aus, behandelte seinen Finger mit Schmerzgel aus dem Apothekenschrank, einem Kühlpaket aus dem Eisschrank und Arnika-Globuli aus dem „Arznei“-Schrank seiner Frau. Dann wischte er eine halbe Stunde wie wild die Blutflecken seines Daumens von Parkett und Fliesen. Die körperliche Anstrengung tat ihm gut. Zu seiner Überraschung fiel ihm sogar der unter das Sofa gerollte Apfel ein. Er öffnete die Terassentür und pfefferte den unschuldigen Apfel mit aller Kraft weit auf das ungenutzte Feld hinter dem Haus.

Zuletzt schenke er sich einen Whisky aus dem Barschrank ein, einen Vierfachen, nahm einen großen Schluck. Er prüfte, dass die Rolläden heruntergelassen waren. Dann stellte er die kleine Leiter aus der Abstellkammer in die Küche, schaltete bei seinem Smartfon das heimische WLAN aus und startete den VPN-Tunnel zu einem Rechner, der auf den Cayman-Inseln in einem anonymen Rechenzentrum nur für Anton herumtuckerte. Gut abgesichert. Dann kletterte er auf die Leiter und entfernte das Zierbrett, das die Lücke zwischen den Hängeschränken und der Decke optisch ansprechend verdeckte. Dem Staub nach war es schon ewig nicht mehr bewegt worden, was Anton ein bisschen froher stimmte. Auf der Rückseite des Brettes befand sich ein Metalltäfelchen. Dieses war am Holz mit zwei kleinen Nägelchen festgenagelt und mit zwei unverletzten Siegelfolien gesichert. An der Vorderseite prangte ein eingeätzter QR-Code eines Public Keys in schwarz-silbern.
Anton wusste, wenn er die Siegelfolien entfernte und die Nägel herausprockelte, wäre auf der Rückseite der dazugehörige QR-Code des privaten Schlüssels.
Die Plakette war unverletzt, also hatte niemand den privaten Schlüssel gelesen.

Anton scannte den öffentlichen Schlüssel, kopierte ihn in einen Blockchain-Explorer, den sein ferner Rechner von den Caymans auslas. Dort prangten, wie vermutet, noch Antons höchst geheime 1000 Bitcoin aus einem frühen Einkauf.

Er löschte Browserverlauf und Cache seines Smartphones, beendete den VPN-Tunnel und loggte sich normal in sein heimisches Netzwerk ein. Er prüfte die Logs und einige Prüfsummen seines verschlüsselten Laptops und fand keine Spuren eines Einbruches. Cveta hatte nur seinen Ledger Nano leergeräumt, bis auf beschämende 0,9995 Bitcoin. Anton prüfte die Adresse, zu der er hatte überweisen müssen, doch das Konto war bereits in mehreren Schritten auf verschiedene 3er- und Bech32-Adressen überwiesen worden – für ihn keine Chance der Nachverfolgung.

Anton trank sein Glas leer, wechselte das Kühlpaket, ging zu Bett und fiel in einen äußerst unruhigen Schlaf.

Ein Wort beim Aldi

Wir haben, glaube ich, einen Aldi im Dorf. Ich wüsste sogar, wo er wäre.

„Schatz, bringst du mir ein Garten-Dings vom Aldi mit? Die sind heute im Angebot“, sagt meine Liebste und wedelt mit einer Seite des Altpapiers. Aus ihrer Sicht mit der aktuellen Aldi-Werbung.

Na gut, fahre ich halt zum Aldi. Gehe hinein, finde das angepriesene Garten-Zeugs, lade es in den Einkaufswagen und schaue, was hier sonst noch so herumliegt. Ein paar Dinge lege ich zusätzlich in den Wagen.
Hinter der Kasse ist ein schräger Winkel, in den das vordere Ende des Einkaufswagens hineinpasst. Das Umladen von den abkassierten Waren in den Wagen macht das wesentlich bequemer. Während ich aus dem Geldbeutel einen Geldschein zücke, legt sogar der Kassierer zwei meiner Artikel in den Wagen – dieser steht halt günstig. In anderen Märkten passiert so etwas nicht, sie haben ein Abtransportband und der Kunde mehr Zeit zum Umladen seiner Waren.

Ich erhalte Wechselgeld und Kassenbon, werfe den Kassenbon in den Wagen, gebe die Kassenzone frei und verstaue mein Wechselgeld im Geldbeutel. Mit dem Einkaufswagen fahre ich neben mein Auto und öffne den Kofferraum.

Da fegt ein Windstoß über den Parkplatz, wird von meinem Auto aufgehalten und treibt nach oben, dabei zieht er durch den Metallgitterboden und reißt er den Kassenzettel mit sich. Mit unbeherztem Zugreifen fasse ich ihn nicht, also lasse ich ihn fliegen. Räume die Einkäufe ins Auto. Gehe auf die andere Seite, nach meinem Kassenzettel suchen. Da vorne liegt er.

Eine Frau hat ihr Auto noch weiter geparkt und kommt mir entgegen. Ich nehme sie kaum wahr. Bücke mich nach dem Kassenzettel und klaube ihn auf. „Das war ich nicht!“ verteidigt sich die Frau unnötigerweise.
„Das war ich.“ sage ich ihr. Ich hätte sie böse angeschaut, verkündet die Frau. Sie ist älter als ich und humpelt leicht. In ihrem Gesicht sind mehr Geschichten zu lesen als ich jemals schreiben könnte.

Ich bestätige ihr: „Das ist mein Zettel, der ist mir einfach weggeflogen. Ich habe nur geschaut, wer mir so fröhlich entgegenkommt.“

Dank Michael und Sina und ihrem „AdjeKTIVEm SprachEbuch“ baue ich wohlklingende Adjektive in meine Alltagssprache ein, manchmal auf Teufel komm raus.

Die Dame lacht laut. „Hah! Fröhlich. Zum Aldi!“

Auf ihrem weiteren Weg zum Eingang humpelt sie etwas weniger.

Ein Wort.

Hotel mit drei kleinen Sternen

Wieder einmal unterwegs, Messezeit, ich finde ein Drei-Sterne-Hotel etwas außerhalb, das noch im Budget liegt. Bei diesen Dreisternehotels gibt es gewisse Standards wie einen Haartrockner im Badezimmer und eine Schuhputzmaschine in einem der Flure oder im Treppenhaus. Eine Art Rührei zum Frühstück gehört wohl auch dazu, doch das wartet oft schon seit Stunden in der Warmhalteschale – es gibt halt kleine und große Sterne.

Im Badezimmer gibt es am Waschbecken meistens wandbefestigte Flüssigseife zum drücken, seltener einzelnverpackte Festseife chemischen Ursprungs. In der Dusche wartet ein Drückspender mit Shampoo neben dem Einhandwählhebel. So der Standard, mit vielen Überraschungen.

In diesem Hotel steht auf dem Waschbecken eine Flasche Flüssigseife mit einem Spender zum oben draufdrücken. Eine weiße Seifenflüssigkeit, die nach dem frischen Fruchtfleisch von Kokosnüssen riecht und ein Kunstwerk einsparungsgedrückter Chemiker sein muss.
Die Dusche empfängt mich mit einem leeren Wandkörbchen. Kein Shampoo.

Meinen Kulturbeutel hatte ich frisch aufgeräumt, zwei angebrochene Fläschlein Haarwaschmittel aus edleren Hotels wegen Nichtbenutzung entfernt.

Na gut, dann nehme ich halt die Seife vom Waschbecken. Ein bisschen Fett bekommt sie bestimmt aus den Haaren weg, und morgen habe ich zuhause wieder etwas richtiges.

Tja. Seit Stunden verfolgt mich ein Südseeduft. Cocos Revenge of the Caribbean. Für die nächste Reise packe ich wieder ein Notfallshampoo ein.

Panik und der Knopf

„AARGH! Vorsicht, da vorne links! ACHTUNG, hinten rechts! Du bist ZU nahe! An allem! Mir ist das VIIIEL zu eng!“ – in der Waschstraße fällt die Abstandelektronik meines Autos in einen Panikzustand.

Zum Glück hat jemand einen sauber sitzenden Knopf zur Beruhigung eingebaut. Ein sanfter Druck meines ausgestreckten Fingers auf eben diesen Knopf, schon beruhigt sich das Auto, wird still und schaltet das hektische Geblinke der orangen und roten Warnlampen aus, in Sekundenbruchteilen.

Erst nach dem Saugen und Streicheln des Lackes wird es wieder wachsam und achtet auf andere Autos, Fußgänger und Parklücken. Ohne Groll ob der vorherigen Missachtung seiner Platzangst.

Ich sitze als Kutscher (Coach) im Auto, drücke Knöpfe und freue mich.

Ich – ratlos.

Ich – ratlos. So richtig. Wie konnte das passieren?

Von einer Freundin bekam ich die Nachricht, dass sie Deutschland für kurze Zeit verlassen würde. Ich so: „Malle?“ Sie so: „Benzi 🙂 “

Und dann saß ich da.

Normalerweise habe ich zu jedem Wort einen Gedanken, ein Bild, kann mir Fremdwörter herleiten oder google danach. Auch für Buchstabendreher und Schreibfehler bin ich tolerant und erkenne meistens das gewünschte Wort.

Aber „Benzi“?

Natürlich kennt Google das Wort. Kein Vorschlag passt. Irgendwelche Firmen. Google Maps zeigt mir auch nur unpassende Einträge. Wikipedia zeigt schon längst verstorbene Leute.

Sie hat mich kalt erwischt. Bei „Benzi“ stehe ich ratlos da. Eine Wortinsel inmitten von Nichts. Ein völlig neues Gefühl für mich. Eine neue Erkenntnis, dieses Gefühl zu haben. Was könnte sie damit gemeint haben? Ich stehe auf meiner leeren Insel und sehe noch nicht mal Horizont. In welcher Richtung ist rettendes Land?

Ich hab sie dann gebeten, mir eine Brücke zu bauen, damit ich „Benzi“ mit irgendetwas mir bekanntem verbinden kann. Und ihr dabei lautes Lachen empfohlen.

Sie hat geschmunzelt.
Und mir verraten, dass es statt der großen Insel Mallorca ein Dörflein mit 30 Häusern ist, irgendwo in den Bergen vom Piemont. Und siehe da, kaum zoome ich die Karte auf den Bereich von Genua bis Alessandria, zeigt Google Maps mir plötzlich Benzi. Nun ist es mit meiner Welt verbunden und ich bin erleichtert. Wieder ein Wort mehr, und ich bin beruhigt.

Das war eine echt interessante Erfahrung.

„Der hat ja wohl den A*sch offen!”

Aktion

Telefonkonferenz samt Bildschirmpräsentation mit dem Management. Ein Manager stellt Ziele für das neue Jahr vor. An einer Stelle entwischt Peter ein herzhaftes „Der hat ja wohl den Arsch offen!”

Reaktion

In der Telefonkonferenz stockt der Manager kurz, und macht dann kommentarlos weiter.

Peter hat einen hochroten Kopf und sucht verzweifelt die Taste zum Stummschalten. Auf seinem Bildschirm tauchen die privaten Nachrichten von drei anderen Kollegen auf: „Geh auf mute!”, „Psst!”, „Vorsicht, Du bist auf laut!”

Einen Tag später lädt der Manager das Team ein: „Wir müssen Reden!”

Unterschied

Nun entscheidet es sich.

Ein Manager fühlt sich persönlich angegriffen und staucht Peter und den Rest des Teams zusammen.

Eine Führungskraft nimmt das als willkommenes Feedback und fragt, was er verbessern kann.

Wie wird das Gespräch wohl ausgehen?

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Schweinskaffee ist für mich einer, der im schneeweißen Milchschaum zwei kaffeebraune Löcher hat, die an den Rüssel des gemeinen Hausschweins erinnern. Er kommt aus einem Kaffeevollautomaten – Cappuccino auf Knopfdruck.

Sowas kann ich im Hotel zum Frühstück selber machen, oder im Café drückt die Bedienung auf einen Knopf. Das ganze Wissen um Kaffeezubereitung ist in der Maschine eingebaut.

Dann gibt es den Kaffee vom Barista. Er kreiert mit einer richtigen Espresso-Maschine einen perfekten Espresso und legt ihn in eine angewärmte Cappuccionotasse. Mit der Dampfdüse der Espresso-Maschine erhitzt er vorsichtig die Milch, die durch den heißen Dampf einen stabilen, cremigen, heißen Schaum entwickelt. Milch und Schaum schwenkt der Barista mit geübter Handbewegung in die warme Cappuccinotasse, wobei wunderbare Figuren entstehen – Herz oder Farnblatt sind die bekanntesten. Auch gut, wenn einfach nur ein Kreis entsteht – handgemachter Cappuccino schmeckt mir am besten.

Bei Kaffeevollautomaten bin ich dazu übergegangen, die Tasse ein wenig zu drehen oder zu bewegen, während der Kaffee in den Milchschaum stürzt. So bekomme ich manchmal braune Kaffeekreise oder einfache Muster hin.

Wenn ich in einer Konditorei bin, freue ich mich darüber, zu einem richtig guten Stück Kuchen keinen Schweinskaffe, sondern einen formschönen, handgemachten Cappuccino zu bekommen.

Wie siehst Du das?

… nass vor der Dusche …

„Die Frau steht noch leicht nass vor der Dusche, während ihr Mann hineinsteigt, da klingelt es an der Haustür.”
Was für ein Einstieg in eine Rede!

Heute war Verabschiedung eines früheren Chefs, er hatte zum Buffet geladen und meine Abteilung hatte mich auserkoren für eine kleine Rede. Vorher gab es bereits die üblichen Texte entlang des Zeitstrahls („Als ich 1973 in dieser Firma anfing …”,„Wünschen wir ihnen für die Zukunft …”), und der Sauerstoffgehalt des Raumes war schon stark abgesunken.
Früher hätte ich einen vorformulierten Text vorgelesen, und es wäre gut gewesen.
Als Kommunikationstrainer fiel es mir ganz einfach, spannende Kurzgeschichten mit Anekdoten über den Ruheständler zu verbinden, und das in freier Rede. Genutzt habe ich ein paar der sechs Prinzipien für bessere Geschäfte.

Das Publikum und der Ruheständler waren hoch erfreut und zeigten das mit langanhaltendem Beifall, dem Nahrungsmittel eines Redners. Ich hatte gute Trainer. Danke.

Willst Du wirklich wissen, wie es nach dem Eingangssatz weitergeht?

Die Frau wickelt ein Handtuch um sich, rennt die Treppe hinunter und öffnet die Tür. Draußen steht Bob, der Nachbar. Er schaut an der Frau runter und rauf und sagt: „Ich geb‘ dir 1000 Euro, wenn du jetzt das Handtuch fallen lässt.”
Die Frau – lässt das Handtuch fallen.
Bob drückt ihr 1000 Euro in die Hand, dreht auf dem Absatz um und geht von dannen.
Die Frau nimmt das Handtuch und geht leicht verstört zurück ins Badezimmer. „Wer hat denn da gerade an der Tür geschellt?” fragt der Mann. „Das war Bob, unser Nachbar.” – „Hat er was von den tausend Euro gesagt, die er mir schuldet?”

Das Fazit der Geschichte: Teile wichtige Informationen schnell mit allen, die es wissen müssen, sonst könntest du eine Blöße zeigen.

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